Susanne Kühn: Ein Kran auf Reisen

Es waren einmal vier Schülerinnen, die hörten von der ultimativen Herausforderung - dem „explorescience“-Wettbewerb. Dabei durften sie eine von acht Aufgaben auswählen. Schnell stand fest, es sollte mit Physik zu tun haben, und da kam das Papierlastenkran-Projekt gerade wie gerufen. Aufgabenstellung: Baue nur aus Papier, Bindfaden und Klebstoff einen Kran, der ein 400g-Klötzchen 40 cm hoch und 25 cm weit von der Tischkante hält, auf einer Grundfläche von einem DIN-A4 Blatt, und der auch ohne angehängtes Gewicht steht. Natürlich war auch nur ganz bestimmtes Papier erlaubt. Immerhin durften die vier Mädchen Sand als Gegengewicht gebrauchen. „Perfekt,“ dachten sie sich auch. „Das machen wir doch!“ Also schnell noch angemeldet, einen betreuenden Lehrer ausgewählt und Materialien eingekauft, dann konnte es losgehen.

Begeistert stürzten sie sich in die Arbeit und versuchten die Mysterien der Statik zu erforschen. Dabei machten sie eine nette Bekanntschaft, die ihr früher oder später alle noch machen werdet oder vielleicht auch schon gemacht habt - die des Drehmomentes! Nach einigen Stunden schließlich stand der Plan, alles war berechnet und gezeichnet worden. Der unangenehmere, aber auch bei weitem lustigste Teil des Projektes begann - das Basteln.

Während dieser Arbeit sammelten sie interessante Erfahrungen, z.B. wie hartnäckig Sekundenkleber sein kann, wie man schnell mal Lösungen findet, wenn man in der Planung was nicht bedacht hat, was für verrückte Gesprächsthemen einem nachmittags um vier im Physiksaal einfallen können, wie „hilfreich“ Druckereien bei Papierbeschaffung sein können und dass Physik-Lehrer auch nur Menschen sind.

Viele geopferte Freistunden und etwa 15 Tuben Sekundenkleber später wurden die letzten Papierröllchen gerollt und angeklebt. Dann der Moment der Wahrheit - die kleine Truppe hängt das Gewicht an den Haken. Und ... die Konstruktion hält! Aber der Kran kippt ...

Was nun? Mehr Gegengewicht musste her, aber wie viel? Und wo? Der Kran musste ja auch ohne 400g-Gewicht stehen bleiben. Zum Ausrechnen und Überlegen, wo der Fehler lag, blieb keine Zeit. Nach Gefühl wurde „step by step“ nachgefüllt. Am Ende stand das Gebilde, wenn auch um einiges schwerer als vorher geplant. Egal, es musste reichen, denn am 12. Juli 2006 würde doch die Präsentation vor der strengen Jury stattfinden. Dazu mussten die vier und ihr Lehrer erst mal den fast ein Meter hohen Kran in den Luisenpark von Mannheim bringen.

Am Tag der Reise wurde viel gelacht. Allein die Blicke verwunderter Zug-Fahrgäste, als die fünf den Kran in einem riesigen Pappkarton durch die engen Zuggänge quetschten, sorgten für genug Stoff zum Lachen.

Eine Stunde später und mit dem Kran in den Händen mussten sie sich erst mal in der weiten, weiten Welt des Mannheimer Bahnhofs und des Straßenbahnsystems zurechtfinden. Mit der Hilfe kleinerer Kinder, die auch auf dem Weg zum Park waren und die sich auskannten, kamen sie schließlich unversehrt an. Dort erwarteten sie schon die ersten Konkurrenten, doch - o Schreck — die hatten ja alle viel kleinere Kräne. Lachend suchten sie sich deshalb einen Weg durch die Menge, verfolgt von den interessierten Blicken anderer Teilnehmer. Bald stellte sich heraus, dass auch andre so große Kräne hatten, und sie schöpften wieder etwas Hoffnung. Erst mal wurde sich dann - wie sollte es anders sein - auf dem Gelände verlaufen. Da halfen auch die Pläne nicht sehr viel, die sie am Eingang erhalten hatten. Aber am Ende erreichten auch sie rechtzeitig den Anmeldungsstand. Da gab’s dann schicke gelbe T-Shirts, die man natürlich anziehen musste. Sie suchten den Tisch, der ihre Teilnehmernummer hatte, und ließen ihren Kran wiegen - stolze 1,2 kg. Viel zu viel, aber nicht der schwerste. Spitzenreiter war ein Kran, der mehr aus Sand als Papier bestand und ganze 4,5 kg auf die Waage brachte. Dann begann das Warten. Währenddessen konnten sie sich an den vielen Ausstellungsständen zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Themen beschäftigen oder sich ihr Mittagessen abholen. Irgendwann dann gingen die Juroren durch die Reihen, begutachteten die Objekte und stellten Fragen zur Entwicklung, zur Umsetzung und was man sich dabei so gedacht hatte. Der Juror unserer fünf schien nicht sonderlich begeistert, blieb aber nett und notierte sich die Punkte. Leider konnten sie das nicht lesen, und auch wilde Überzeugungspläne zeigten keine Wirkung.

Auch den anderen Juror, den sie eher zufällig in ein Gespräch über ihren Kran verwickelten, konnten sie nicht für sich gewinnen. Mit dem Kommentar „Das sieht ja gar nicht mehr aus wie ein Kran!“ speiste er sie ab. Auch der Versuch, ihm zu erklären, dass ja grade das die Innovation ihrer Entwicklung sei, scheiterte. Dann hieß es wieder warten, warten und nochmals warten...

Die netten Jungen aus einer fünften Klasse, mit denen sie den Tisch teilten, boten ihnen Kekse an, und so wurde das Warten etwas erträglicher. Stolz präsentierten diese dann auch noch ihren Kran mit ausfahrbarem Arm!

Vier Stunden später, eine davon auf einem kleinen Bötchen, durften sie dann ihren Kran wieder einpacken und sich zur Abschlußshow am anderen Ende des riesigen Parks begeben. Natürlich nicht ohne sich vorher zu verlaufen. Danke trotzdem an die netten Schwaben, die der kleinen Gruppe versucht haben zu helfen! Auf der Bühne wurden dann noch unterhaltsame physikalische und chemische Experimente gezeigt. Gewonnen hatten sie ihrer Erwartung entsprechend nicht, aber immerhin die netten Fünftklässler, für die sich die vier Mädels sehr freuten.

Wer denkt, schlimmer könne es nicht mehr kommen, täuscht sich. Noch während der Ehrung begann es zu regnen und zu gewittern, und das auf einer Tribüne unter freiem Himmel. Es wäre für die fünf ja kein Problem gewesen früher zu gehen und zum Bahnhof zu laufen, aber der Kran stand ja noch in der Halle, und der musste wegen Ausstellungszwecken auch wieder mit. Also bei strömendem Regen ohne Schirm in den gelben T-Shirts wieder zurück. Wenigstens wussten sie diesmal, wo es langging. Am Eingang stellte sich aber heraus, dass der Lehrer verschwunden war. Was jetzt? Zwei liefen schnell den Weg zurück und zwei blieben, um mit dem Kran im Regen zu warten. Gerade waren sie gegangen, da kam der Lehrer an. Na toll! Also lief wieder eine los, um die zwei zurückzuholen und dann - ab zum Bahnhof. Da konnten sie einfach nur noch lachen.

Wären nicht noch die netten Mannheimer gewesen, die sie zum Bahnhof brachten, wer weiß, wo sie heute wären. Im Zug begegneten ihnen dann wieder die verwunderten Blicke. Ziemlich müde und froh, endlich wieder zu Hause zu sein, stiegen sie in Andernach aufs Bahngleis und machten noch ein „Nachher“-Foto. Zwei brachten den Kran noch in den Physiksaal, aber dann gingen alle endlich nach Hause. Auch wenn es für sie sehr anstrengend und nicht nur schön war, hat es doch allen sehr viel Spaß gemacht. Die Lachmuskeln waren hinterher auf jeden Fall mal wieder trainiert worden. Daher raten sie jedem, der die Möglichkeit zu so einem Projekt hat, dort mitzumachen. Es lohnt sich wirklich, denn die Erfahrung, mit einem Team an einem größeren Projekt zu arbeiten, ist einfach toll. Auch die Atmosphäre am Tag der Entscheidung war beeindruckend. Sowohl unter den Teilnehmern als auch von den Veranstaltern ausgehend, die sich wirklich Mühe gegeben hatten, auch wenn das die Wartezeiten nicht kürzte. Man muss es einfach selbst erlebt haben.

Bei dem Lehrer handelt es sich übrigens um Herrn Pöttgen. Wir danken ihm an dieser Stelle, dass er uns bei der Arbeit begleitet hat, und hoffen, er hatte genauso viel Spaß dabei wie wir. Ein weiterer Dank gilt Herrn Schumann und besonders dem Förderverein, der unser Projekt unterstützt und die Teilnahme ermöglicht hat. Zum Schluss möchten wir noch erwähnen, dass es sich bei den vier Mädels um Ronja Zeuch, Maren Gilles, Alexandra Schäfer und Susanne Kühn handelt. Übrigens erreichten sie am Ende immerhin Platz 43 von 66! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rollen sie noch heute Röllchen!

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