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OStR Sven-Erich Czernik:   Abiturrede 2000


Gehalten vor der Abiturientia, der Elternschaft und dem Kollegium des Kurfürst-Salentin-Gymnasiums Ander-nach am 16. Juni 2000 in der Mittelrheinhalle von OStR Sven-Erich Czernik

1. Einleitung

Meine sehr verehrten Damen, meine Herren!

Zu Beginn muß ich bei der Abiturientia 1999 - von der ich einige Nachzügler hier im Saal erblicke - Abbitte tun. Ich war im letzten Jahr Stammkursleiter, wurde gefragt, ob ich die Abiturrede halten würde, und habe mit der Begründung abgelehnt, daß ich außer meinem Kurs die Jahrgangsstufe überhaupt nicht kannte und daher auch nicht wisse, was ich den jungen Leuten sagen solle. Das Merkmal der Unkenntnis über den eigenen Kurs hinaus trifft auch auf Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, zu; obendrein bin ich noch nicht einmal Stammkursleiter. Dennoch habe ich mich entschlossen, Ihrer Bitte nachzukommen. Ein Hauptgrund war das Datum, das auf Ihren Zeugnissen prangt:

„Abitur 2000“ - welch ein Wort!

Trotz der runden Jahreszahl ist völlig unbestreitbar, daß Ihnen in einer guten Stunde nicht die ersten Reifezeugnisse des 21., sondern die letzten des 20. Jahrhunderts ausgehändigt werden.

Dieser Hinweis verrät bereits, daß Sie sich - vielleicht ohne daß es Ihnen bewußt war - auch dafür entschieden haben, die Rede eines Naturwissenschaftlers zu hören, der sicher nicht über die Eloquenz eines Germanisten oder Politologen verfügt und sehr wahrscheinlich die Welt auch in etwas anderer Weise wahrnimmt.

Ich werde zu Ihnen sprechen über das Verhältnis von Spaß und Freude, über Krieg und Frieden, über unsere schiere Zahl und unseren Hunger sowie über den drohenden Verlust einer Silbe, und werde Ihre Aufmerksamkeit für etwa 25 Minuten beanspruchen.

 

2. Vergangenheit - Zukunft - Gegenwart

2.1 Vergangenheit

Betrachten wir das nun zu Ende gehende 20. Jahrhundert, in dem wir uns alle heimisch fühlen, so ist unbestreitbar, daß dieser Zeitraum wie kein anderer durch die Naturwissenschaften und die auf ihnen fußende Technik geprägt ist. Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte hat es einen so umfassenden und letztlich auch so erfolgreichen Versuch gegeben, die eigenen Lebensverhältnisse durch den Gebrauch einer Arbeitsweise zu verbessern, die nicht allein auf spekulativem Denken beruht, sondern auch die vorurteilsfreie Beobachtung der vorgefundenen Realität mit einbezieht.

Die Anzahl naturwissenschaftlicher Entdeckungen des 20. Jahrhunderts ist Legion. Betrachtet man ihre Umsetzung in Form technischer Geräte oder biologischer wie medizinischer Verfahren, die in ihrer immensen Vielfalt unseren Alltag so unverwechselbar von der Lebensweise Ihrer Groß- bzw. Urgroßeltern abheben, so fällt auf, daß wir vorwiegend solche naturwissenschaftlichen Erkenntnisse nutzen, die in ihren Grundzügen entweder bereits zur letzten Jahrhundertwende bekannt waren oder während der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts erzielt wurden.

Dazu nur einige wenige Beispiele: Die Elektroenergiewirtschaft, wie wir sie heute als unverzichtbar erleben, entwickelte sich in ihren Grundzügen bereits zwischen 1880 und 1900. Das Kraftfahrzeug mit Verbrennungsmotoren nach Nikolaus Otto oder Rudolf Diesel, das mittlerweile in einer Stückzahl von 41,4 Millionen Deutschlands Straßen erobert hat, wobei ein Modell sogar als Namensgeber für Ihre Generation - die „Generation Golf“ - Pate steht, war schon um 1900 in seinen Konstruktionsprinzipien ausgereift. 1903 gründet Henry Ford die „Ford Motor Company“ in Detroit und stellt im ersten Jahr 1.700 Autos her. Im gleichen Jahr fliegt das erste Flugzeug, 1919 gelingt der erste Transatlantikflug, und bereits 1927 wird die 15. Million - nicht des VW Golf, sondern des Ford T - verkauft.

Die Technik des 20. Jahrhunderts ist -so muß leider festgestellt werden - immer auch eine Wehr- und Waffentechnik gewesen. Der Erste Weltkrieg konnte nur deswegen so lange dauern, weil das Haber-Bosch-Verfahren den vom Salpeternachschub abgeschnittenen Mittelmächten die Ammoniakgewinnung aus Luftstickstoff und damit die weitere Produktion von Munition und Sprengstoffen gestattete. Das Kraftfahrzeug und seine furchtbare Fortentwicklung, der Kampfpanzer, dynamisierten den Landkrieg in nie erdachter Weise, das Flugzeug und die um 1940 entwickelte Rakete trugen den Krieg in die dritte Dimension und machten jeden, ob Kombattant oder Zivilist, zum potentiellen Opfer. Daß die im Jahre 1938 entdeckte Kernspaltung mit dem amerikanischen „Unternehmen Manhattan“ zu einem Rüstungswettlauf mit den vermeintlich im Vorteil befindlichen Deutschen führte, den Physikern ihren Sündenfall bescherte und mit den Bomben auf Hiroshima und Nagasaki das Ende des Zweiten Weltkriegs erzwang, ist traurige Wahrheit.

Auf der Welt sind (nach dem Stand von 1998) 427 Kernkraftwerke in Betrieb, aber nur 46 im Bau. Auch diese Technik - einst als Lösung des Weltenergieproblems gepriesen - geht auf die Fünfziger Jahre zurück. Sie wird sich wegen der nach wie vor unbefriedigend gelösten Endlagerung und der begrenzten Natururanvorkomen als Übergangstechnik erweisen und stößt - nicht zuletzt durch den Vorfall von Tschernobyl - auf eine immer geringere Akzeptanz. Daß die Kombination von Kernspaltung und Raketentechnik trotz des zwischenzeitlich aufgebauten tausendfachen Overkill-Potentials den Dritten Weltkrieg letztlich erfolgreich verhindert hat, sei nur am Rande vermerkt.

Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, gehören zur ersten Generation, die ihre Schulzeit in Abwesenheit von heißem und kaltem Krieg zu Ende bringen durfte. Vielleicht rügen Sie mich dafür, daß ich Beispiele angeführt habe, die mit Gewalt und Leid zu tun haben. Indes ist das nun auslaufende Jahrhundert in seiner ersten Hälfte höchst gewaltsam, in seiner zweiten Hälfte zumindest potentiell unfriedlich verlaufen; daß wir alle in dieser Welt, in der es seit 1945 Hunderte von bewaffneten Konflikten gegeben hat, in einer Oase relativen Friedens leben durften, ist für uns alle Glück und Verpflichtung zugleich.

Wenden wir uns nun einer Entdeckung zu, die Spaß und Erleichterung verheißt: dem Transistor. Auch er kommt langsam in die Jahre und ist genauso alt wie unsere Bundesrepublik, nämlich 51. Zunächst als diskretes, aber werbewirksames Bauteil in Kofferradios oder voluminösen Großrechnern eingebaut, begann mit seiner Integration in ICs und Mikrochips ab 1965 sein unaufhaltsamer Siegeszug, der durch Schlagworte wie Mikroprozessor, Unterhaltungselektronik, Personal Computer oder Internet nur ganz unzulänglich umrissen werden kann. Die Elektronik dringt in Bereiche vor, in denen der Laie sie überhaupt nicht vermutet. Werden vielleicht demnächst Sicherheitsnadeln mindestens zwei Schaltkreise enthalten? Die Integrationsdichte von Chips und damit die Rechenleistung nimmt exponentiell zu, der Preis für Speicherleistung exponentiell ab, und wir nähern uns Grenzen, die mit den eingeführten Technologien aus prinzipiellen physikalischen Gründen nicht mehr unterschritten werden können.

Mit dieser Technik haben wir Menschen zum Mond, Fahrzeuge zum Mars und Sonden über die Grenzen unseres Sonnensystems hinaus gebracht. Nimmt man die Ergebnisse der allerletzten Jahre aus, so leben wir seither in einer Ära der Postmoderne, der Nach-Modernität, die im Wesentlichen auf dem Fortschrittsglauben und den Resultaten der Dreißiger bis Siebziger Jahre fußt, diese zwar ins Extreme verfeinert, den Reiz des wirklichen Neuen aber schmerzlich vermissen läßt.

Was haben wir Menschen darüber hinaus zustande gebracht?

  2.2 Zukunft

 Wir haben uns vermehrt!

Im Jahr 1960, in dem ich als ABC-Schütze in die Volksschule einzog, überschritt die Weltbevölkerung die 3-Milliarden-Grenze. 1974 - ich absolvierte gerade mein zweites Hochschulsemester - waren es schon 4 Milliarden. Als Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, 1987 in die Grundschule eintraten, waren die 5 Milliarden erreicht, und jetzt, da Sie das Gymnasium verlassen, sind die 6 Milliarden bereits voll.

Während der Dauer dieser Feier, gerechnet vom Beginn des Sektempfangs, nimmt die Zahl der Erdenbürger um etwa 45.000 zu! Die Bewältigung dieses rapiden Wachstums ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft der Menschheit. Alle anderen wirklich wichtigen Themen wie Umweltschutz, Verfügbarkeit von Ressourcen, Verbesserung der Lebensqualität sind damit aufs engste verknüpft und werden nur in akzeptabler Weise zu lösen sein, wenn es gelingt, die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau von 2,9, die auf eine Gesamtbevölkerung von 14,4 Milliarden im Jahre 2050 hinausläuft, möglichst schnell zu drücken.

Jeweils auf das Jahr 2050 bezogen, bedeuten 2,5 Kinder pro Frau (was etwa den Verhältnissen in Chile, Uruguay oder im Libanon entspricht) 10,7 Milliarden Menschen. Ein Rückgang auf 2,0 Kinder bis 2050, was schon unter dem „Ersatzniveau“ von 2,1 Kindern pro Frau liegt und derzeit in Albanien, Thailand oder den USA vorzufinden ist, bedeutet immer noch 8,9 Milliarden. Lediglich die günstigste Variante des UN-World-Population-Prospect mit durchschnittlich 1,6 Kindern pro Frau (entsprechend der aktuellen Situation auf Kuba, in Südkorea oder im gebeutelten Bosnien-Herzegowina) beinhaltet ein absolutes Maxi-mum um das Jahr 2035 herum mit ca. 7,5 Milliarden Menschen, das von einer langsamen Abnahme gefolgt wird.

Werte Abiturientinnen und Abiturienten; Sie sind junge Westeuropäer. In dieser Region der Welt sind schwache Jahrgänge und 1,5 Kinder pro Frau Standard. Lassen Sie sich nicht entmutigen und bekommen Sie Ihre 1-5 Kinder wann und wie Sie es sich wünschen! Ihre geringe Anzahl gestattet Ihnen das, und Sie mögen sich anstrengen, wie Sie wollen, in puncto Kinderzahl sind und bleiben Sie Zwerge, die ihren Beitrag zum Erhalt des Systems Erde nur auf anderen Gebieten erbringen können.

Betrachten wir aus der breiten Skala der Umwelt- und Ressourcenproblematik nur einen einzigen Sektor: den Weltenergieverbrauch. Nach dem Stand von 1996 hat die Menschheit in einem Jahr 3,9 * 1020 Joule = 1,08 * 1014 kWh = 108 Billionen kWh Energie in jedweder Form beansprucht. Die Bundesdeutschen waren daran mit 1,47 * 1019 Joule = 4,1 * 1012 kWh= 4,1 Billionen kWh und somit zu 3,8% beteiligt, obwohl sie nur gut 1,4% der Weltbevölkerung ausmachen.

Der Energiehunger der Welt wird derzeit zu ca. 5% aus Kernenergie und zu etwa 18% aus regenerativen Energiequellen befriedigt - verbleiben 77%, die auf den fossilen Brennstoffen Kohle, Erdöl und Erdgas beruhen. Neben der Begrenztheit der Lagerstätten (die bereits bekannten und als sicher gewinnbar eingestuften Reservoire reichen beim Öl für 43, beim Gas für 65 Jahre) sei darauf hingewiesen, daß wir derzeit durch die Verbrennung fossiler Energieträger in zwei Jahren soviel Kohlendioxid freisetzen wie in der erdgeschichtlichen Karbonzeit in einer Million Jahre eingelagert wurde! Die Menschheit ist in ein gigantisches Experiment verwickelt: fast instantante Freisetzung großer Treibhaus-Gasmassen mit Ungewissem Ausgang.

Die Übernahme unserer westlichen Energieverbrauchsmuster durch die gesamte Weltbevölkerung ist schlicht undenkbar: ein Bundesdeutscher verfügt über die 2,66-fache Energiemenge des durchschnittlichen Weltbürgers! Dennoch müssen die Ansprüche der Menschen in den Entwicklungsländern befriedigt werden. Doch mit welchen Folgen? Wie wird sich das Klima ändern? Wo wird ausreichend Regen fallen, um die landwirtschaftliche Bewässerung zu ermöglichen? Werden künftige Kriege um Wasser geführt?

Dieses Mal wende ich mich ausdrücklich nicht nur an Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten, sondern an Sie alle: In puncto Energiekonsum sind Sie Riesen, verfügen über 50.000 kWh pro Person und Jahr! Und wenn junge Deutsche im Jahr 32 Milliarden DM für den Konsum zur Verfügung haben, dieses Geld jedoch primär für den Kauf von Kleidung, CDs, Kino- und Discobesuche, Geschenke und Süßigkeiten ausgeben, dann signalisiert dieser eher immaterielle Konsum noch keine ökologische Schräglage, denn Einrichtungsgegenstände, Sportgeräte und vor allem Fahrzeuge und Reisen sind noch nicht in der Top-Gruppe zu finden. Das wird sich jedoch mit zunehmender Verbesserung Ihrer finanziellen Situation in den kommenden Jahren drastisch ändern. Spätestens dann, junge Leute, sind auch Sie gefordert!

2.3 Gegenwart-“Spaß“

 Werfen wir nun, nach Vergangenheit und Zukunft, einen Blick auf die Gegenwart! Dieser Blick ist vermutlich für jemanden, der den Verhaltensmustern der 78er-Generation folgt und überdies noch keine Kinder in Ihrem Alter hat, etwas getrübt. Auf der Suche nach Unterstützung wurde ich fündig, und zwar mit dem Buch „Generation Golf -eine Inspektion“ von Florian Illies, Geburtsjahrgang 1971 (mein Abiturjahrgang), Träger des Ernst-Robert-Curtius-Förderpreises für Essayistik 1999 und ein überaus scharfäugiger Beobachter, der vor allem dann zu Hochform aufläuft, wenn er kritisieren kann. Zur Lektüre Ihnen wärmstens empfohlen! Aus dieser brillianten Zusammenschau lernte ich Folgendes:

Der Sport hat seinen Stellenwert, nur unter ganz anderen Gesichtspunkten, als ich es mir hätte träumen lassen. Hinsichtlich beschleunigter Gangarten scheint geradezu ein Paradigmenwechsel stattgefunden zu haben: vom schlichten Laufen als etwas unangenehm Körperlichem, das leider als unabdingbare Voraussetzung für Mannschaftssportarten wie Hand- oder Fußball galt, oder auch als einfaches Hilfsmittel, um von A nach B zu kommen, zum Jogging, bei dem man schöne Kleidung trägt, das anscheinend eine conditio sine qua non ist, um überhaupt flirten zu können, und das sogar den Bauchansatz eines weiland in Turnschuhen vereidigten hessischen Landesministers besiegt und nicht unwesentlich dazu beigetragen hat, daß dieser Herr nun als Bundesaußenminister und geachteter eider statesman auftreten kann.

Es gibt etwa 60 neue Sportarten, mit Varianten etwa 280, die fast alle Indi-vidualsportarten sind, was für manche Sportvereine eine Restlebensdauer von 15, hier im Rheinland vielleicht von 20 Jahren, befürchten läßt. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, daß man eine Sportart genau dann ausübt, wenn man dabei braun sein oder zumindest werden kann. Optimal scheint das Inline-Skating: man benutzt Geräte von Kultstatus, trägt ein prächtiges Outfit, ist durch Knie- und Ellenbogenschoner und - besonders wichtig - eine dynamische Sonnenbrille vor der Umwelt geschützt und kombiniert ein Optimum an Vergnügen mit einem Minimum an Kraftaufwand.

„Fit for tun“ - fun hat nur, wer fit ist!? Wem Fitneß fehlt, der besucht das einschlägige Studio, trainiert dort vor Spiegeln und erwirbt so eine - zumindest begrenzte - Konservierung des körperlichen Status quo: 12 Jahre Garantie gegen Durchrostung. Hinzu kommt der Gewinn an Selbstsicherheit als Siegertyp, zumindest aber an Ellenbogenfreiheit in einer Ellenbogengesellschaft.

Auch im Freizeitbereich dominiert das „Prinzip Spaß“, und es ist kaum besser darstellbar als in der folgenden Glosse in Versform von Edgar Nill (im Stile Eugen Roths), die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte:

 Ein Mensch - und das Prinzip „Spaß“

 (Im Original heißt es „ein Mann“, aber die Einschränkung ist entbehrlich.)

 Ein Mensch ist allseits wohlgeachtet,

weil das, wonach er strebt und trachtet,

was er so denkt und unternimmt

meist vom Vernunftprinzip bestimmt

wie Vorsicht, Rücksicht und derlei,

was dem Gemeinwohl dienlich sei,

so auch die Kunst, sich zu bescheiden,

wenn's gilt, ein Risiko zu meiden.

 

Der Mensch denkt so aus Überzeugung

(man meint schon fast: aus inn'rer Neigung);

so fällt all das ihm nicht mal schwer.

Jedoch im Alltag, um ihn her,

geht's vielen drum, bloß „Spaß“ zu haben:

Man klaut im Kaufhaus wie die Raben.

Man steigt zu Berg mit Frau und Kind,

schlägt jede Warnung in den Wind

(auch untrainiert, schlecht ausgerüstet)

weil einen grad' danach gelüstet.

 

Manch and'rer stürzt sich tief und steil

herab an einem Gummiseil.

Man fliegt am Drachen durch die Lüfte,

waghalsig über Felsenklüfte,

nutzt bullige Geländewagen,

um rüde in der Stadt zu „jagen“.

 

Dann fühlt sich ER - und SIE - als Mann,

als Macho, und hat „Spaß“ daran!

Daß durch die Bauart die Maschinen

mehr als normale Limousinen

für Unfallopfer höchst gefährlich,

die Einsicht hält man für entbehrlich. (...)

 

Der Mensch, der diese Beispiel-Liste

beliebig zu verlängern wüßte,

stellt fest: als „Spaß“ wird anerkannt

nur, was auch irgendwie riskant

und im Vergleich auch „exklusiv“.

Normales gilt als primitiv.

 

MORAL:

 

Statt Sinngehalt, nimmt man zum Maß- •

Stab eig'nen Handelns lieber „Spaß“.

Es toleriert fast jeden Preis,

wer sonst nichts anzufangen weiß.

 

Zum Dritten: Wie erklärt sich die Nonchalance (oder soll ich sagen: Bierruhe?), mit der mancher Abiturient seine Prüfungsvorbereitung angeht und zumindest nach dem mündlichen Abitur auch zugibt, praktisch nichts getan zu haben? Ist sie eine Übertragung des Prinzips der drei Leben aus Computerspielen und Gameboys auf die Wirklichkeit nach dem Motto „Geht was schief, hat man immer noch zwei Möglichkeiten“?

Bei welchem Ausgang auch immer: geht das Leben fröhlich weiter, „wie der Mops im Haferstroh“, wie Sie vor 8 Jahren in Ihre Poesiealben schrieben? Leben in Form einer Endlosschleife, der Konzentration auf sich selbst, das neue Auto oder die Kleidung, wie eine Daily Soap, von „Gute Zeiten-Schlechte Zeiten“ und „Marienhof“ bis „Melrose Place“ und „Big Brother“, mit ständigem Zwang zum Fröhlichsein und Gutaussehen und einer panischen Angst vor dem Innehalten, wie sie bei jungen Börsenmaklern vor dem handelsfreien Wochenende auftritt?

Abiturfeier: Schülerleben, 1796. Folge? Gibt es kein Neuland mehr? Hat sich die Suche nach dem Ziel erledigt, wie Florian Illies resümiert? Wird die Zukunft kaum Veränderungen bringen?

Werte Abiturientinnen und Abiturienten, haben Sie sich in dieser Satire wiedererkannt? Oder: werden Sie sich in einigen Jahren wiedererkennen?

3. Versuch einer Lösung

 In diesem Spannungsfeld aus Zunahmen der Weltbevölkerung, des CO2-Ausstoßes, des Energieverbrauchs und vieler anderer bedrohlicher Aspekte einerseits und einer zunehmend hedonistischen, auf kurzfristiges Vergnügen angelegten Lebensführung der jungen Generation in den klassischen Industriestaaten andererseits hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine mehrjährige Aktion „Wissenschaft im Dialog“ ins Leben gerufen und das Jahr 2000 zum „Jahr der Physik“ proklamiert - im nächsten Jahr werden die Biowissenschaften, im Jahr darauf die Geowissenschaften folgen.

Der eigentliche Anlaß für diese Initiative ist in erkennbaren Defiziten in der Wissenschaftsvermittlung zu suchen. Noch vor einigen Jahrzehnten war die Gesellschaft von den Naturwissenschaften begeistert - bis die Technologiemüdigkeit der späten Siebziger und Achtziger Jahre aufkam. Man hat erkannt, daß sich nicht genügend junge Leute für die Naturwissenschaften interessieren. Speziell in Physik liegen die Belegungszahlen bundesdurchschnittlich für das Grundfach bei nur ca. 24 % und für das Leistungsfach bei gut 11%. Die Anzahl der Hochschulabsolventen geht drastisch zurück; spätestens ab 2001 wird in Physik und Elektrotechnik der Bedarf des Arbeitsmarkts deutlich über dem Angebot an frisch Examinierten liegen. Dies alles in einer Situation weltweit drängender Umweltprobleme und der globalen Umverteilung von Arbeitsplätzen zuungunsten der entwickelten Industrienationen!

Gerade die Physik bildet die Grundlage für die Chemie, die Biologie und natürlich auch die Ingenieurwissenschaften. Ausgerechnet die jungen Wachstumsbranchen hängen in starkem Maße von der Physik ab, der somit als entscheidendem Faktor für den Fortschritt in den angewandten Wissenschaften eine Schlüsselfunktion für den Standort Deutschland zukommt.

Des weiteren ist diese Disziplin eine tragende Säule unserer Kultur, die maßgeblich das Weltverständnis der modernen Gesellschaft prägt - hier sei nur an die Quantenphysik erinnert, die in sechs Monaten ihren 100. Geburtstag feiern kann.

Auch unter globalem Aspekt scheint eine Hinwendung zu den Naturwissenschaften dringend geboten. Es ist erfreulich, daß hinsichtlich der Umweltproblematik ein Paradigmenwechsel festzustellen ist: Weg vom Bedrohungsszenario, von reaktiven Handlungskonzepten, Antihaltungen und technischer Schadensbegrenzung (wie etwa dem Auffangen von Schadstoffen) hin zu einem Modernisierungsszenario, in dem Ökologie, Ökonomie und Soziales als vernetzt verstanden werden und die positive Entwicklung in einem Bereich dieses Dreiecks der Nachhaltigkeit notwendig mit der Entwicklung in anderen Bereichen verbunden ist. Ressourcenverbrauch, Formen des Konsums, der Freizeitgestaltung, des Spaßes vor Ort haben einen direkten Bezug zur Situation in anderen Ländern. Es geht nicht mehr um das Beklagen einer desolaten Situation, sondern um die Suche nach Lösungen zur Verbesserung der Lage im Sinne intergenerationeller globaler Gerechtigkeit.

Nachhaltige Entwicklung impliziert einen Bildungsauftrag.

Aus den verschiedensten Ansätzen zur Lösung unserer globalen Probleme kristallisieren sich immer wieder vier Strategien des Wirtschaftens, des Konsums, der Mobilität und des Sozialverhaltens heraus: - Effizienz (gemeint ist die Steigerung des Verhältnisses von Input und Output beim Einsatz materieller oder energetischer Ressourcen jedweder Art) - Konsistenz (die Verbesserung der Umweltverträglichkeit von Stoff- und Energieströmen) - Permanenz (d. i. eine Erhöhung der Dauerhaftigkeit von Produkten und Materialien, ggf. unterstützt durch Ersatz von Produkten durch Dienstleistungen).

Es ist offensichtlich, daß diese drei erstgenannten Strategien exzellent ausgebildetes Fachpersonal voraussetzen, aber nur begrenzt den gemeinen Bürger treffen. Indes ist es irrig, anzunehmen, Effizienzsteigerungen allein seien das hinreichende Vehikel für den Weg in eine ökonomisch wie ökologisch intakte Gesellschaft. Ich erinnere nur daran, daß der Benzinverbrauch von PKW zwar durch effizientere Motor- und Antriebstechnik sinken müßte, in Wirklichkeit aber durch wachsende Ansprüche an die Leistungsfähigkeit der Motoren und an den Komfort, der sich in einer Vielzahl entbehrlicher Elemente wie elektrischen Fensterhebern oder Klimaanlagen und damit in einer hohen Masse des Fahrzeugs niederschlägt, im Steigen begriffen ist. Ist es unbedingt erforderlich, daß eine Familienfrau 1,7 Tonnen bewegt, um 15 kg Einkäufe nach Hause zu transportieren?

Kurz gesagt: eine global nachhaltige Entwicklung wird ohne Suffizienz, ohne Verhaltensänderung, Mentalitätswandel und eine gewisse Selbstbescheidung nur schwer erreichbar sein. Und gerade hier ist der gemeine Mann/die gemeine Frau gefordert, der/die beruflich mit Naturwissenschaften nun wirklich nichts zu tun hat noch zu tun haben will.

Betrachten wir zum Abschluss die Rolle des Gymnasiums. Wir Lehrer - und einer unserer Berufsverbände - bezeichnen uns als Philologen, „Freunde des Worts“, Wortreiche. In der Tat, das Gymnasium ist sprachenlastig, was im Umkehrschluß bedeutet (wie Kurt Reumann in der F.A.Z. vom 29. März 2000 treffend feststellt), daß es naturwissenschaftlich begabte Schülerinnen und Schüler von der 5. Klasse an systematisch betrügt! Zum Beleg dafür mögen die Stundentafeln der Sekundarstufe l dienen:

Im altsprachlichen Zweig stehen 49 Wochenstunden für die drei Fremdsprachen nur 21 Wochenstunden für die drei Naturwissenschaften gegenüber, Physik ist mit fünf Wochenstunden die am schlechtesten ausgestattete Naturwissenschaft. Im neusprachlichen Zweig sieht es kaum besser aus: ein Verhältnis von 45:22, sofern jemand freiwillig die dritte Fremdsprache belegt, und 39:22, sofern das nicht geschieht.

Wie sollen Lehrer - und seien sie auch noch so engagiert - mit einem solchen Zeitbudget ihre Klientel auf den anspruchsvollen Unterricht in Grund- und Leistungskursen der Sekundarstufe II vorbereiten? Ein Romanist, Anglist oder Altphilologe würde lachen, mutete man ihm das zu; vom Naturwissenschaftler hingegen erwartet man die Quadratur des Kreises und wundert sich, wenn eine Ellipse herauskommt!

Kinder haben ein Menschenrecht auf eine altersgemäß vorsortierte Information - vorsortiert durch Menschen, nicht durch das Internet. Der Wissenserwerb in den Naturwissenschaften ist - das soll hier ganz offen gesagt werden - nicht nur mit Spaß verbunden, sondern oft genug eine arge Plackerei. Der gesamte Bildungsprozeß erfordert Muße und damit viel Zeit, die unseren Kindern aufgrund der dürftigen Stundentafeln nicht zur Verfügung steht. Über Samstagsunterricht läßt sich m. E. nur dann sinnvoll diskutieren, nachdem die Stundentafeln auf mindestens 32 statt 30 Wochenstunden angehoben und zwei Drittel des Zuwachses in die Naturwissenschaften geflossen sind. Erst auf dieser Basis ist eine erfolgversprechende Arbeit überhaupt denkbar, und erst dann ist Platz für mehr Schülerübungen und experimentelle Praktika, die aufgrund nachhaltiger Erfolgserlebnisse dem drohenden Verlust der Neugier entgegenwirken können.

Mit mehr Ruhe im Unterricht, mit erweiterten Möglichkeiten für eigenständige Arbeit der Schüler kämen endlich auch junge Leute, die nicht gerade Spitzenbegabungen darstellen, in den Genuß einer längeranhaltenden Freude an naturwissenschaftlichem Tun. Der Spaß braucht dabei nicht zu kurz zu kommen. Die Materie ist nicht so knallhart, wie sie oft dargestellt wird, für Sensationslust bleibt genug Platz (es muß ja nicht immer eine Sonnenfinsternis sein), und Physiker sind nicht die eher introvertierten, bläßlichen Gestalten mit Neigung zu unreiner Haut, für die viele sie halten. Im Gegenteil: sie sind große Spielkinder, wenn auch die Spiele sich zuweilen etwas anders darstellen, als man gemeinhin gewohnt ist. Und im übrigen gilt noch immer das Wort des Nobelpreisträgers Wolfgang Pauli: „Was den Theologen ihr Kirchenläuten, ist den Physikern ihr Lachen.“

Ein letztes Wort an Sie, liebe Abiturientinnen und Abiturienten: Die Phase Ihrer Allgemeinbildung in einer eigens dafür geschaffenen Organisation ist nun abgeschlossen.

Sie werden nie wieder in Ihrem Leben so umfassend gebildet sein wie in diesem Augenblick. In puncto Naturwissenschaften haben Sie vertretbar gewählt und - soweit ich sehen kann - ordentliche Leistungen erbracht, wie überhaupt Ihr Jahrgang als angenehmer Jahrgang mit guter Arbeitsmoral und wenig Reibungspunkten in die Annalen dieser Schule eingehen wird.

 

Denken Sie an die Chancen, die Ihnen als junge Generation eines der führenden Industriestaaten gegeben waren und noch gegeben werden, fassen Sie Mut und wählen Sie die Verantwortung! Die damit untrennbar verbundene Freude sei Ihr Lohn!

Ich schließe mit den Worten des Barons Pierre de Coubertin, des Begründers der Olympischen Spiele der Neuzeit: „Das Wichtigste im Leben ist nicht gewonnen, sondern sich gut geschlagen zu haben“, und danke Ihnen allen für die große Geduld, mit der Sie mir zugehört haben.