Trauer um Walter Scheer
Das Kurfürst-Salentin-Gymnasium Andernach und die Vereinigung ehemaliger Salentiner trauern um Walter Scheer, der nach einer kurzen schweren Krankheit am 1. September 1999 im Alter von 87 Jahren starb. Von 1952 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1977 war der Verstorbene Sportlehrer am KSG.
Walter Scher wurde am 20. März 1912 in Düsseldorf geboren. Die Schule besuchte er zunächst in Düsseldorf, danach in Koblenz, wo er 1922 die Reifeprüfung am Realgymnasium ablegte. Da er Sportlehrer werden wollte, ging er an die Hochschule für Leibesübungen in Berlin, wo Prof. Carl Diem und Prof. Hermann Ohnesorge seine Lehrer wurden. Im Jahre 1935 schloß er sein Studium mit dem Examen als Turn- und Sportlehrer ab. 1936 ließ er sich im Sportsanatorium Hohenlynchen zusätzlich zum Heilgymnasten ausbilden und legte anschließend im August die Turn- und Sportlehrerprüfung für höhere Schulen ab. Im folgenden Jahr heiratete er Helene Schneider, die ihn bis an sein Lebensende begleitete. Nachgetragen sei, daß Herr Scheer während seines Studiums auch die Segelfliegerprüfung ablegte (1934).
Seine erste Stelle bekam Walter Scheer unmittelbar nach Abschluß seiner Sportlehrerprüfung für höhere Schulen als Sportlehrer beim Reichsarbeitsdienst. Dort blieb er von September 1936 bis Ende März 1938. Ab April 1938 stellten ihn die Rasselstein Eisenwerke Neuwied als Sportlehrer ein. So kam Walter Scheer an das Andernacher Bandstahlwerk, dem heutigen Rasselstein, wo er den Betriebssport aufbaute. Der Krieg riß ihn aus dieser Tätigkeit. 1940 bis 1945 wurde zum Kriegsdienst eingezogen und kam zum Bodenpersonal der Luftwaffe nach Augsburg. Auch bei der Luftwaffe wurde er als Sportlehrer eingesetzt. In den Jahren 1942 und 1943 wurde er als Sportlehrer an die Oberschule für Jungen Augsburg abgeordnet. Morgens gab er Sportunterricht in der Schule, nachmittags den Luftwaffenhelfern, die zum Kriegshilfseinsatz an den Flakgeschützen herangezogen wurden. Gleichzeitig wurde er beauftragt, den Betriebssport in den Augsburger Messerschmitt-Flugzeugwerken aufzubauen. 1944 wurde er nach Nürnberg verlegt und diente bei der schweren Flak.
Während dessen wohnte Frau Scheer mit ihren beiden Söhnen in Andernach. Am 27. Dezember 1944 wurde ihr Haus in der Aktienstraße von Bomben zerstört. Walter Scheer lag zu diesem Zeitpunkt mit seiner Einheit in der Eifel, so daß Frau Scheer in die Eifel zog, um ihm näher zu sein. Als der militärische Zusammenbruch des Deutschen Reiches nicht mehr aufzuhalten war, floh Frau Scheer nach Sachsen, wo sie von Freunden aufgenommen wurde.
Walter Scheers Luftwaffeneinheit war zuletzt in Zeltingen an der Mosel. Nach Beendigung der Kampfhandlungen machten beide Eheleute sich unabhängig von einander auf den Weg, um sich gegenseitig zu suchen. Helene Scheer schlug sich von Sachsen bis ins Rheinland durch, während Walter Scheer, begleitet vom Segen und den Gebeten der katholischen Pfarrgemeinde Zeltingen und ihres Pfarrers, von der Mosel nach Sachsen aufmachte, um seine Frau zu sich zu holen. Sie trafen sich unverhofft auf der Rheinbrücke von Weißenthurm. Frau Scheer, die mir diese Episode erzählte, betrachtet diese Begegnung auch heute noch als eine wunderbare Fügung Gottes und als sichtbares Zeichen, wie Gott die Geschicke der Menschen lenkt. Da die Familie Scheer in Zeltingen eine Wohnung fand, blieb sie an der Mosel, und am 1. Oktober 1945 konnte Walter Scheer am Gymnasium Bernkastel seinen Dienst als Sportlehrer wieder aufnehmen.
Es waren Oberstudienrat Dr. Werner Langer und Studienrat Franz Scholz, die Walter Scheer zur Rückkehr nach Andernach bewegten, indem sie ihn mit dem Argument umwarben, daß das Stiftsgymnasium im Zuge des Wiederaufbaus eine neue Turnhalle erhalten solle. Persönliche Argumente kamen hinzu. Inzwischen besuchten die Söhne bereits das Gymnasium, und von Andernach aus war die Universität Bonn leicht zu erreichen. So wurde Walter Scheer am 1. April 1952 der Sportlehrer des Andernacher Stiftsgymnasiums, das einige Monate später - jedoch rückwirkend vom 1. April 1952 an - verstaatlicht wurde und den Namen Kurfürst-Salentin-Gymnasium erhielt.
Neben seiner unterrichtlichen Tätigkeit widmete sich Walter Scheer einer Fülle weiterer sportlicher Aktivitäten. Er gründete und leitete viele Jahre den Gymnasial-Turn- und Sportverein des KSG mit den Abteilungen Leichtathletik, Handball, Basketball und Fechten. Neben zahlreichen Erfolgen mit seinen Schülermannschaften ist vor allem auch sein Wirken im Andernacher Ski-Club hervorzuheben.
Der Verstorbene besaß einen überregionalen Bekanntheitsgrad. Er war 1949 Gründungsmitglied des Deutschen Sportlehrerverbands (DLSV) und viele Jahre dessen Präsident, ferner Gründungsmitglied des Handballbundes Rheinland. Sogar die österreichische Handball-Nationalmannschaft betreute er zeitweilig als Trainer. Als Dank und in Anerkennung seiner Verdienste lud der Deutsche Sportlehrerverband ihn und seine Frau als Ehrengäste zur Feier des 50. Jahrestags seiner Gründung ein. Walter Scheer freute sich sehr darüber. Seine Krankheit und sein Tod verhinderten jedoch, daß er der Einladung folgen konnte.
Im Mai 1999 wurde er in Koblenz operiert. Wegen eines Blindgängers, einer Fliegerbombe aus dem Zeiten Weltkrieg, wurde die Operation um einige Tage verschoben, da wegen der Entschärfung der Bombe das Krankenhaus und ein ganzes Stadtviertel geräumt werden mußten. Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus konnte er nicht mehr in das Haus zurückkehren, das er im Keltenweg bewohnte, sondern er bezog mit seiner Frau ein Doppelzimmer im neuen Altenheim Maria vom Siege in Plaidt, wo ich die beiden auch bald besuchte.
Walter Scheer war ein lebensfroher Mensch, der mit seinem Frohsinn und seinem Witz vielen Menschen Freude bereitete. Wir alle verdanken ihm viel. Wer sein Grab besuchen möchte, soll wissen, daß er in Feldkirchen begraben liegt, wo einer seiner Söhne mit seiner Familie lebt.
Hinweis in eigener Sache
Es ist zu befürchten, daß die Gratulationen in den Salentiner-Nachrichten der nächsten Jahre fehlen werden. Dr. Nachtsheim hatte seinerzeit den Gedanken, den Pensionären des KSG zu einem runden Geburtstag auch in den Salentiner-Nachrichten zu gratulieren, und anfangs die entsprechenden Beiträge selbst geschrieben. Da Dr. Nachtsheim in dieser Beziehung keinen Nachfolger gefunden hat, muß ich seit einigen Jahren auch diese Aufgabe übernehmen. Die Redaktion ist jedoch auf Mithilfe angewiesen und bittet, daß sich jemand bereit finden möge, diese Beiträge zu schreiben. Bei über 500 Mitgliedern unserer Vereinigung und einem Lehrerkollegium von etwa sechzig Köpfen sollte das möglich sein.
W. F.